Warum Nicht‑Entscheiden auch eine Entscheidung ist

Bleiben oder gehen – diese Frage stellen sich viele Paare, manchmal erst dann, wenn sie schon in der Therapie oder Beratung sitzen. Eine Klientin brachte es bei einer Paartherapeutin Kollegin einmal sehr drastisch auf den Punkt:

„Ich finde, es ist an der Zeit, zu scheißen oder vom Pott zu steigen.“

Hart formuliert – und trotzdem treffend. Denn hinter dem Spruch steckt eine unbequeme Wahrheit: Irgendwann fordert Commitment eine klare innere Position. Und genau da beginnt die eigentliche Frage: Warum halten manche Beziehungen und andere nicht?

Das bequeme, schmerzhafte Dazwischen

Viele Beziehungen verharren über lange Zeit in einem Zwischenzustand.

Man ist offiziell zusammen, teilt Alltag, Termine und vielleicht sogar ein Zuhause – und doch fehlt innerlich die Klarheit. Nicht wirklich drin, aber auch nicht draußen. Die Beziehung läuft weiter, ohne sich wirklich lebendig anzufühlen.

Statt einer bewussten Entscheidung entsteht ein stilles Hoffen: dass sich etwas von selbst klärt, dass Konflikte sich irgendwann auflösen, dass Gefühle zurückkehren oder der andere sich verändert. Dieses Hoffen wirkt passiv, aber es ist emotional anstrengend – weil es die Verantwortung für die eigene Entscheidung in die Zukunft verschiebt.

Das Dazwischen ist bequem, weil es keine Konsequenzen verlangt. Und gleichzeitig schmerzhaft, weil Unsicherheit, innere Distanz und ungelöste Fragen dauerhaft mitschwingen. Viele Menschen bleiben genau hier hängen: aus Angst vor Verlust, vor Einsamkeit, vor einem falschen Schritt – oder vor der Klarheit, die eine echte Entscheidung mit sich bringen würde.

Commitment aus psychologischer Sicht

Die Sozialpsychologin Caryl Rusbult beschreibt Commitment nicht als romantisches Gefühl, sondern als eine innere Festlegung auf eine Beziehung – emotional, gedanklich und im konkreten Handeln.

Sie unterscheidet drei Ebenen:

  1. Verhaltenskomponente: Die Absicht, die Beziehung aufrechtzuerhalten.
  2. Emotionale Komponente: Ein Gefühl von Verbundenheit und Bindung.
  3. Kognitive Komponente: Die Vorstellung, auch in Zukunft als Paar zusammenzubleiben.

Doch wovon hängt es ab, wie stark dieses Commitment ist?

Hier kommt ihr bekanntestes Modell ins Spiel.

Das Investitionsmodell von Caryl Rusbult

Rusbults Investitionsmodell der Paarbeziehung erklärt Commitment über drei zentrale Faktoren:

  1. Zufriedenheit mit der Beziehung
  2. Investitionen in die Beziehung
  3. Bewertung von Alternativen
Investitionsmodell nach Rusbult: Zufriedenheit, Investitionen und Alternativen beeinflussen Commitment und Beziehungsstabilität.

In der Grafik wird deutlich, wie diese Faktoren zusammenspielen:

Kosten, Nutzen und das Vergleichsniveau beeinflussen die Zufriedenheit.

Zufriedenheit, Investitionen und Alternativen wirken gemeinsam auf das Commitment.

Commitment wiederum beeinflusst die Stabilität der Beziehung.

Die 3 entscheidenden Faktoren

1. Zufriedenheit

Zufriedenheit entsteht laut Rusbult aus einem inneren Kosten-Nutzen-Vergleich.

Dabei geht es nicht nur darum, ob wir Konflikte haben, sondern ob sich die Beziehung insgesamt lohnend und emotional nährend anfühlt – auch mit ihren schwierigen Seiten.

1. Nutzen

Was gibt mir diese Beziehung?

  • emotionale Nähe
  • Unterstützung
  • Wertschätzung
  • Sicherheit
  • Sexualität
  • Verbindung
  • Zugehörigkeit
  • soziale Anerkennung
  • materielle Sicherheit

Je mehr zentrale Bedürfnisse hier erfüllt werden, desto höher fällt der wahrgenommene Nutzen aus.

2. Kosten

Was zahle ich dafür?

  • ungelöste Konflikte
  • emotionale Verletzungen
  • unerfüllte Bedürfnisse
  • Kompromiss
  • Verzicht
  • Stress

Kosten wirken besonders stark, wenn sie chronisch werden oder als ungerecht verteilt erlebt werden.

3. Vergleichsniveau

Unsere Maßstäbe:

  • Eltern/ wichtige Bezugspersonen
  • frühere Partnerschaften
  • befreundete Paare

Wer in früheren Beziehungen Gewalt oder starke Abwertung erlebt hat, empfindet eine mittelmäßige Beziehung oft schon als „gut genug“. Unser inneres Vergleichsniveau beeinflusst also massiv, wie zufrieden wir uns fühlen – unabhängig davon, wie gesund die Beziehung objektiv ist.

2. Investitionen

Ein zentraler Punkt im Modell: Je mehr wir investiert haben, desto höher fühlt sich der Preis einer Trennung an.

Dabei geht es nicht nur um objektive Verluste, sondern auch um das Gefühl, dass ein großer Teil der eigenen Lebensgeschichte „umsonst“ gewesen sein könnte.

Rusbult unterscheidet dabei sinngemäß zwei Arten von Investitionen:

Intrinsische Investitionen

Direkte Beiträge zur Beziehung:

  • gemeinsame Zeit
  • emotionale Offenheit
  • Verletzlichkeit
  • Mühe, Gespräche, Konfliktarbeit
  • geteilte Erinnerungen
  • persönliche Entwicklung innerhalb der Beziehung

Extrinsische Investitionen

Dinge, die durch die Beziehung entstanden sind oder daran hängen:

  • Gemeinsame Wohnung/Haus
  • Kinder
  • Freundeskreis
  • Haustiere
  • finanzielle Verflechtungen
  • sozialer Status als Paar

3. Alternativen

Der dritte Faktor ist die Frage:

Wie attraktiv erscheint mir ein Leben außerhalb dieser Beziehung?

Diese Bewertung läuft meist unbewusst ab und verändert sich mit Lebensphase, Selbstwert und äußeren Umständen.

Alternativen können sein:

  • eine andere konkrete Person
  • das Alleinsein

Je realistischer und attraktiver diese Optionen wirken, desto schwächer wird meist das Commitment zur aktuellen Beziehung.

Warum unglückliche Paare trotzdem zusammenbleiben

Das Modell erklärt etwas sehr Menschliches:

Man kann unzufrieden sein und trotzdem bleiben.

Vor allem dann, wenn rationale Gründe das emotionale Erleben überlagern.

Wenn:

  • die Investitionen hoch sind
  • die Alternativen schlecht erscheinen
  • oder Trennung zu bedrohlich wirkt

Drei ehrliche Fragen an dich selbst

Wenn du dieses Modell auf deine eigene Beziehung überträgst, können dir diese Fragen helfen:

  1. Was macht unsere Beziehung wertvoll?
  2. Was müsste sich verändern, damit ich mich wirklich zufriedener fühle?
  3. Was würde ich bei einer Trennung konkret verlieren – innerlich und äußerlich?

Diese Fragen ersetzen keine Entscheidung, aber sie machen sichtbar, woraus sie entsteht.

Commitment zeigt sich im Handeln

Rusbult beschreibt außerdem sogenannte Maintenance Mechanisms – also Verhaltensweisen, die Beziehungen stabilisieren:

Sie wirken wie ein emotionales Immunsystem der Partnerschaft.

Akkommodation

Konstruktiv reagieren, wenn der Partner Fehler macht – statt mit Angriff oder Rückzug.

Das verhindert Eskalationsspiralen, in denen beide nur noch reagieren statt zuhören.

Bereitschaft zum Verzicht

Eigene Wünsche zeitweise zurückstellen zugunsten des Wir.

Nicht aus Selbstaufgabe, sondern aus bewusster Priorisierung der Beziehung.

Vergebung

Nicht vergessen, aber loslassen und verzeihen können.

Ohne diesen Schritt bleiben viele Paare innerlich im Konflikt stecken, auch wenn sie äußerlich zusammenbleiben.

Diese Haltungen sind aktive Entscheidungen für eine Beziehung.

Bleiben oder gehen – beides braucht Mut

Commitment heißt nicht, alles zu ertragen.

Und es heißt auch nicht, bei jeder Schwierigkeit zu flüchten.

Commitment heißt:

Nicht länger im Dazwischen wohnen.

Sondern sich bewusst zu positionieren.

Für diese Beziehung.

Oder gegen die Beziehung.

Beides ist legitim.

Aber keines davon passiert ohne Mut.

Wenn du Klarheit suchst

Wenn du merkst, dass ihr feststeckt – oder du innerlich schon lange schwankst – kann es sehr hilfreich sein, diesen Prozess begleitet zu gehen.

Manchmal braucht es einen geschützten Raum, um ehrlich hinzuschauen:

  • Was halte ich nur noch aus?
  • Was wünsche ich mir wirklich?
  • Wie entscheide ich mich?

Wenn du magst, kannst du dir dafür ein unverbindliches Kennenlerngespräch für Einzel‑ oder Paarberatung buchen. Mach das gerne hier. Ich freue mich auf dich/euch.

Bildquelle: Pexels

Grafik: Nach Rusbult, C. E. (1983). A longitudinal test of the investment model: The development (and deterioration) of satisfaction and commitment in heterosexual involvements. Journal of Personality and Social Psychology, 45, 101–117.