„Ich muss ihm oder ihr helfen, ich hole dich da raus.“

Kennst du dieses starke Gefühl, unbedingt etwas ändern zu müssen, weil du dich sonst schlecht fühlst?

Ich kenne das sehr gut. Ich habe lange versucht, Frauen zu retten, meine Ex-Freundin vor ihrem „bösen“ Vater (aus ihrer Sicht), und auch heute gibt es in meiner Beziehung einen Teil in mir, der gern den „weisen Ritter“ spielt – und ja, auch bei Freunden.

Das Schwierige: Ich stelle mich damit oft unbewusst auf einen Sockel. So nach dem Motto:

„Ich hab’s verstanden. Ich weiß, wie man richtig lebt.“

Ganz sicher bin ich mir, dass nicht nur ich manchmal – bewusst oder unbewusst – in diese Spiele rutsche. Retter, Täter, Opfer – wir alle tun das. Manche rutschen schnell ins Opfer („Wärst du anders, hätte ich kein Problem“), andere werden zum Täter („Schon wieder hast du…“), und viele – so wie ich selbst – landen immer wieder im Retter („Komm, ich mach das schon…“).

In diesem Blogartikel zeige ich dir, wie du diese Muster erkennst, bewusst aussteigen kannst und stattdessen Wege findest, gesunde Rollen einzunehmen – vom Retter zum Mentor, vom Täter zum Macher und vom Opfer zur Muse. Ich teile persönliche Erfahrungen, konkrete Strategien und kleine Übungen, die dir helfen, deine Beziehungen entspannter und klarer zu gestalten.

Das Drama-Dreieck verstehen

Stephen Karpman hat das Drama-Dreieck als Modell entwickelt, um typische Konfliktmuster aufzuzeigen. Drei Rollen dominieren diese Dynamik:

RolleErklärung mit BeispielBeispiel
RetterDerjenige, der anderen helfen will – oft ungefragt – und dabei eigene Bedürfnisse zurückstellt.“Komm ich mach das schon…”
TäterKritisch, fordernd oder kontrollierend, übt Druck aus oder macht Schuldzuweisungen.“Schon wieder hast du…”
OpferFühlt sich hilflos, benachteiligt oder missverstanden und erwartet Rettung von außen.„Wärst du nur anders, dann hätte ich kein Problem.“

Warum wir in die rollen rutschen

Jeder von uns ist anfällig dafür, in die Rollen des Retters, Täters oder Opfers zu rutschen – bewusst oder unbewusst. Es passiert nicht, weil wir „schlecht“ sind, sondern weil diese Muster oft aus unseren eigenen Erfahrungen, Ängsten und Schutzmechanismen entstehen.

Diese Rollen sind dynamisch: Wir wechseln oft zwischen ihnen hin und her, abhängig von Situation, Stimmung oder Beziehung. Das Ziel ist nicht, die Rollen zu verteufeln, sondern bewusst zu erkennen, wann wir hineingeraten, um dann aus dem Spiel auszusteigen und gesunde, klare Interaktionen zu gestalten.

RolleTypisches VerhaltenMotiv/Zweck
Retter

Will helfen ungefragt, Probleme lösen, Ratschläge geben, eingreifen

Gefühl gebraucht zu werden, Kontrolle behalten, eigene Themen & Schmerz zurückstellen

Täter

Kritisieren, bevormunden, aggressiv reagieren

Macht oder Kontrolle sichern, Frust abbauen, sich ernst genommen fühlen

Opfer

Hilflos, überfordert, ohnmächtig

Erlernte Hilflosigkeit, Aufmerksamkeit erhalten

 

Wie wir aus dem Drama aussteigen

Wenn wir merken, dass wir ins Drama-Dreieck rutschen, hilft bewusstes Handeln. Die fünf Schritte zeigen, wie du als Retter, Täter oder Opfer Impulse erkennst, innehalten und Verantwortung übernehmen kannstohne dich oder andere in ungesunde Muster zu ziehen.

1 – Wahrnehmen

Ich bemerke den Retter in mir mit einem starken Impuls von ich muss, wenn ich ungefragt Lösungen liefern will – obwohl es eigentlich nicht meine Aufgabe ist.

2 – Selbstreflektieren

Bevor ich überhaupt etwas sage, stelle ich mir zwei Fragen:

„Will ich es gerade mehr als sie?“

„Wenn die Person wirklich etwas verändern will – kann sie das nicht selbst?“

Diese kurze Innenschau hilft mir, nicht sofort in den automatischen Retter-Impuls zu rutschen.

3 – Verbalisieren

Wenn der Impuls trotzdem stark bleibt, hilft es, ihn offen auszusprechen:

„Boah, ich würde dich gerade so gern retten… gleichzeitig ist das nicht meine Aufgabe, sondern – wenn überhaupt – deine.“

Das schafft Klarheit, ohne ins Drama einzusteigen.

4 – Aushalten

Oft wechselt die andere Person in die Täterrolle, wenn klar wird, dass ich sie nicht retten werde:

„Ich wusste es – du hilfst mir nie!“

Jetzt geht es darum, ruhig zu bleiben, den eigenen Beitrag sichtbar zu machen und gleichzeitig klare Grenzen und Konsequenzen zu formulieren:

Was bin ich bereit zu tun – und was nicht?

Und: “In diesem Ton können wir nicht weitersprechen, sonst werde ich gehen, willst du das?”

5 – Selbst stärken

Klopf dir selbst auf die Schulter. Es kostet Mut, aus dem Drama auszusteigen. Bestärke dich darin, dass du gerade für dich stimmig gehandelt hast.

1 – Wahrnehmen

Ich merke, dass ich kontrollieren, kritisieren oder bevormunden will und eventuell sogar laut werde.

2 – Selbstreflektieren

Bevor ich reagiere, frage ich mich:

„Reagiere ich aus Wut oder aus Sorge?“

„Was ist meine Absicht?“

„Kann ich das Problem so wirklich lösen, gibt es einen anderen gesünderen Weg?“

3 – Verbalisieren

Wenn der Impuls stark bleibt, sage ich es klar:

„Ich merke, dass ich gerade wütend werde und formuliere das auch so. Ich atme kurz durch, bevor ich reagiere.“

4 – Aushalten

Auch wenn die andere Person defensiv oder provozierend wird, bleibe ich ruhig, setze Grenzen und zeige, was ich bereit bin zu tun – ohne aggressiv zu werden.

5 – Selbst stärken

Anerkenne, dass es Mut kostet, nicht sofort zu reagieren. Bestärke dich darin, bewusst Verantwortung für deine Reaktion übernommen zu haben.

1 – Wahrnehmen

Ich spüre Hilflosigkeit oder Überforderung und erkenne, dass ich automatisch Verantwortung abgeben will und eventuell sogar passiv-aggressiv reagiere.

2 – Selbstreflektieren

Bevor ich überhaupt etwas sage, stelle ich mir zwei Fragen:

„Welche Verantwortung kann ich selbst übernehmen?“

„Bin ich wirklich so schlecht dran und falls ja, wie will ich das zum Ausdruck bringen?“

„Wo kann ich aktiv werden statt nur zu klagen?“

3 – Verbalisieren

Wenn der Impuls stark bleibt, sage ich es klar:

„Ich fühle mich gerade überfordert, gleichzeitig kann ich in kleinen Schritte selbst das Thema angehen.“

„Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit von dir, da ich gerne Zeit mit dir verbringe und ich tendiere dazu, dir Aufgaben zu geben, nur um mit dir in Kontakt zu bleiben.“

4 – Aushalten

Auch wenn Druck oder Kritik von außen kommt, bleibe ich bei meiner Entscheidung und prüfe selbst, wie weit ich das Thema angehen kann und suche bessere Möglichkeiten, meinen Frust zu kommunizieren.

5 – Selbst stärken

Klopf dir selbst auf die Schulter. Es ist ein Erfolg, Verantwortung für dein Leben zu übernehmen und nicht in die Opferrolle zurückzufallen.

Vom Drama zur Weiterentwicklung

Stephen Karpman beschrieb die drei Rollen Retter, Täter, Opfer als destruktives Muster. Diese Rollen laufen oft automatisch ab, erzeugen Konflikte und verhindern echte Verantwortung. Roman Braun & Benedikt Held zeigen, wie sich die Rollen weiterentwickeln können: Der Retter wird zum Mentor, der seine Hilfe anbietet, ohne die Verantwortung zu übernehmen; der Täter wird zum Macher, der konstruktiv handelt; und das Opfer wird zur Muse, die Eigenverantwortung übernimmt und aus Herausforderungen wächst.

RolleErklärungAussage
Retter → Mentor

Bietet Hilfe zur Selbsthilfe an, fragt vorher, ob Unterstützung gewünscht ist, übernimmt nur begrenzt Verantwortung

„Ich kann dich unterstützen, wenn du meine Hilfe brauchst, probiere es erst Mal selbst (hartnäckig bleiben)“
Täter → Macher

Handelt selbstbestimmt, übernimmt Verantwortung konstruktiv, richtet Fokus auf Lösungen statt Schuld

„Ich übernehme Verantwortung und wir suchen ruhig und gemeinsam nach einer Lösung.“
Opfer → Muse

Lernt für sich selbst einzustehen, übernimmt Verantwortung für das eigene Erleben, nutzt Herausforderungen, wächst kreativ

„Ich nutze diese Situation, um zu wachsen und Lösungen für mich zu finden.“

 

der partner als mentor?

Ich mag den Begriff Mentor sehr – gleichzeitig ist Vorsicht geboten:

In nahen Beziehungen sind wir keine außenstehende Coaches.
Wir sind Teil des Systems, mittendrin in den Dynamiken. Wer sich als „Mentor“ sieht, läuft leicht Gefahr, alte Retter-Impulse wieder aufzunehmen.

Die wichtigste Regel: Kein Auftrag = kein Coaching.

Wenn niemand dich ausdrücklich um Unterstützung bittet, ist dein Eingreifen kein Beitrag – sondern Grenzüberschreitung. Ein Mentor zu sein bedeutet, Räume für Eigenverantwortung zu lassen, statt Entscheidungen abzunehmen.

Stoppt das Spiel – lernt bewusst zu handeln

Das Drama-Dreieck zeigt uns, wie schnell wir in Rollen wie Retter, Täter oder Opfer rutschen – oft unbewusst, oft mit den besten Absichten. Mit Bewusstsein, Selbstreflexion und klarer Kommunikation können wir diese Muster durchbrechen und gesunde, respektvolle Beziehungen gestalten. Die Erweiterung von Braun und Held macht deutlich: Der Retter kann zum Mentor werden, der Täter zum Macher, das Opfer zur Muse – so entsteht Raum für Eigenverantwortung und echte Entwicklung.

Wenn ihr merkt, dass ihr immer wieder in diese Rollen rutscht und Unterstützung braucht, begleite ich euch gerne dabei. Bucht jetzt ein Erstgespräch, um herauszufinden, ob und wie ich euch dabei unterstützen kann, aus dem Spiel auszusteigen und eure Beziehung bewusst zu stärken.

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